{"id":688,"date":"2018-07-11T20:44:39","date_gmt":"2018-07-11T19:44:39","guid":{"rendered":"http:\/\/www.ogk.at\/?page_id=688"},"modified":"2024-03-20T15:18:57","modified_gmt":"2024-03-20T14:18:57","slug":"stellungnahme-der-osterreichischen-gesellschaft-fur-kommunikationswissenschaft-ogk-zur-medien-enquete-der-bundesregierung-im-juni-2018","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/ogk.at\/en\/debatten\/stellungnahme-der-osterreichischen-gesellschaft-fur-kommunikationswissenschaft-ogk-zur-medien-enquete-der-bundesregierung-im-juni-2018\/","title":{"rendered":"Stellungnahme \u00d6GKMedien-Enquete Juni 2018"},"content":{"rendered":"<h3>Stellungnahme der \u00d6sterreichischen Gesellschaft f\u00fcr Kommunikationswissenschaft (\u00d6GK) zur Medien-Enquete der Bundesregierung im Juni 2018<\/h3>\n<p>Anl\u00e4sslich der Medien-Enquete im Juni 2018 stellen sich f\u00fcr die Weiterentwicklung des Medienstandorts \u00d6sterreich eine Reihe von Fragen und Herausforderungen, die es aus einer kommunikationswissenschaftlichen Sicht zu bewerten gilt. Insbesondere vor dem Hintergrund der Digitalisierung und der damit zusammenh\u00e4ngenden paradigmatischen Ver\u00e4nderungen ergibt sich in unterschiedlichen Feldern ein regulatorischer Handlungsbedarf. F\u00fcr alle Entwicklungsfelder gilt es als Zielperspektive die Aufrechterhaltung einer an den Anspr\u00fcchen der Demokratie ausgerichteten Ausgestaltung der Medien- und Kommunikationslandschaft im Blick zu haben. Alle Ma\u00dfnahmen sollten darauf hin ausgerichtet sein, einen Beitrag zur Verbesserung der Medienvielfalt, Qualit\u00e4t und Partizipation zu leisten. Insbesondere ist darauf zu achten, die Rolle der Medien als unabh\u00e4ngige Institutionen der Information, Reflexion und Kritik in ihrer \u00c4quidistanz zu Politik und Staat im Sinne eines aufgekl\u00e4rten Demokratieverst\u00e4ndnisses zu st\u00e4rken. In folgenden Bereichen ist aus einer kommunikationswissenschaftlichen Perspektive besonderer Reformbedarf gegeben:<\/p>\n<ul>\n<li>Ver\u00e4nderungen, die sich insbesondere aus der Dominanz globaler Plattform-Player ergeben und zu neuen Markt- wie auch Konkurrenzverh\u00e4ltnissen f\u00fchrten, lassen insbesondere die seit vielen Jahren wirksamen Marktabgrenzungsregelungen zwischen dem privatkommerziellen Sektor und dem Aktivit\u00e4tsspektrum des ORF als dringend reformbed\u00fcrftig erscheinen. Gerade aus Gr\u00fcnden der Absicherung einer f\u00fcr den Medienstandort gebotenen Medienvielfalt in einem dualen System (mit einem binnen- und au\u00dfenpluralen Angebotsspektrum) und der Notwendigkeit, den neuen dominanten Playern qualit\u00e4tsorientierte Angebote und Informationsm\u00f6glichkeiten entgegenzusetzen, bedarf es der \u00dcberwindung vielfaltseinschr\u00e4nkender Online-Beschr\u00e4nkungen f\u00fcr den \u00f6ffentlich-rechtlichen Anbieter.<\/li>\n<li>Um die Unabh\u00e4ngigkeit des ORF zu gew\u00e4hrleisten und die neuen technischen Formen der Nutzung von entsprechenden Angeboten zu integrieren, ist die Finanzierung der \u00f6ffentlichen Einnahmen \u00fcber eine Haushaltsabgabe \u2013 oder \u00fcber eine Anpassung der bisherigen Regelung f\u00fcr neue Empfangstechnologien \u2013 anzustreben. Die M\u00f6glichkeit einer direkten Finanzierung des ORF aus dem Budget gilt es in jedem Fall zu verhindern: Sie w\u00fcrde \u2013 wie das Beispiele aus anderen L\u00e4ndern zeigen \u2013 zu einer unmittelbaren Abh\u00e4ngigkeit des unabh\u00e4ngigen \u00f6ffentlich-rechtlichen Anbieters von der Politik f\u00fchren und ist daher schon aus demokratietheoretischen Gr\u00fcnden abzulehnen. Zudem ist mit einem derartigen Modell die langfristige Absicherung einer stabilen finanziellen Basis f\u00fcr den \u00f6ffentlich-rechtlichen Rundfunk gef\u00e4hrdet.<\/li>\n<li>Im Bereich des \u00f6ffentlich-rechtlichen Rundfunks gilt es im Sinne der Absicherung seiner Unabh\u00e4ngigkeit auf eine Reform der Gremienstruktur hinzuwirken, die eine personelle Verschlankung des Stiftungsrats mit der Besetzung von Expertinnen und Experten vorsieht. Zudem gilt es die Stellung des Publikumsrats aufzuwerten und seinen Einfluss zu st\u00e4rken.<\/li>\n<li>Im Sinne einer zukunftsorientierten Ausrichtung ist die Weiterentwicklung des ORF zu einer digitalen Plattform mit den daf\u00fcr notwendigen Entwicklungspotentialen im Sinne eines \u201ePublic Network Values\u201c (Steinmaurer\/Wenzel 2015) f\u00fcr die Gesellschaft anzustreben. Daf\u00fcr spielt insbesondere die Hebung von Potentialen des offenen Zugangs zu Informationen, zu Archivmaterialien zu nicht nichtkommerziellen Zwecken und die M\u00f6glichkeit von Partizipations- und Interaktionspotentialen mit anderen Wissensplattformen wie auch mit dem Publikum sowie die Kooperation mit qualit\u00e4tsorientierten Medien (etwa auf der Ebene von Recherchenetzwerken) eine wichtige Rolle. Ebenso gilt es dahingehend Entwicklungsm\u00f6glichkeiten f\u00fcr die europ\u00e4ische Ebene, wie sie aktuell im Projekt \u201eEPOS\u201c (European Public Open Space) entwickelt werden, zu integrieren.<\/li>\n<li>Auch die kommerziellen Anbieter haben eine wesentliche Rolle f\u00fcr den \u00f6ffentlichen Diskurs in einer demokratischen Gesellschaft. Dies kann auch in der finanziellen Unterst\u00fctzung (vergleichbar zur Filmf\u00f6rderung) qualit\u00e4tsvoller informierender Beitr\u00e4ge, Dokumentationen oder Sendereihen, wie das bisher \u00fcber die RTR erfolgt, einen Niederschlag finden. Einer eigenst\u00e4ndigen Vielfalt ist der Vorzug zu geben vor einer \u00dcbernahme von Produktionen von Mitbewerbern bzw. vor Koproduktionen, die viele Markteilnehmer an einer Produktion beteiligen.<\/li>\n<li>Im Bereich der Medien- und Pressef\u00f6rderung ist \u2013 in \u00dcberwindung des bislang zum Teil noch g\u00fcltigen \u201eGie\u00dfkannenmodells\u201c der Mittelverteilung \u2013 eine strukturelle Neuausrichtung im Sinne einer Journalismusf\u00f6rderung (nach dem von H. Haas, 2012, vorgelegten Modell) anzustreben. Diese sollte auch die Unterst\u00fctzung neuer Initiativen und Angebote im Internet beinhalten. In jedem Fall gilt es Formen eines qualit\u00e4tsorientierten Journalismus zu unterst\u00fctzen. Die Zuteilung der Mittel k\u00f6nnte auch unter Zuhilfenahme eines Evaluierungsinstruments von Medienqualit\u00e4t erfolgen, wof\u00fcr in \u00d6sterreich bereits erste Schritte gesetzt wurden. (vgl. Seethaler 2015) Weiters ist eine solide finanzielle Absicherung des dritten, nicht-kommerziellen Sektors sicherzustellen, der einen wichtigen Beitrag zur Medienvielfalt und f\u00fcr die M\u00f6glichkeit der Partizipation von B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrgern leistet. Anzustreben ist eine umfassende Konzeption der Medienf\u00f6rderung, die nicht auf eine Kompensation des Marktversagens einzelner Anbieter abzielt, sondern Investitionen in die Infrastruktur der Demokratie setzt.<\/li>\n<li>Im Regulierungsbereich selbst ist auf eine Weiterentwicklung der Rundfunk- und Telekom-Regulierungsbeh\u00f6rde in eine konvergente Regulierungsbeh\u00f6rde mit einer sektoren\u00fcbergreifenden Struktur anzustreben, um sie den aktuellen Gegebenheiten der Medien- und Technologieentwicklung anzupassen.<\/li>\n<li>Die Enquete zur Weiterentwicklung des Medienstandorts \u00d6sterreich und insbesondere die daran anschlie\u00dfende Neuausrichtung regulatorischer Rahmenbedingungen sollte als Zielgr\u00f6\u00dfe die Absicherung einer demokratischen \u00d6ffentlichkeit als notwendigen Infrastruktur f\u00fcr Demokratie haben, die f\u00fcr Vielfalt und Qualit\u00e4t eine solide Basis bietet. Eine Reduzierung auf Fragen der Marktabgrenzung unter Beibehaltung der Sicherstellung politischer Naheverh\u00e4ltnisse auf Medien ist unter allem Umst\u00e4nden zu verhindern.<\/li>\n<\/ul>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Literatur <\/strong><\/p>\n<p>Haas, Hannes (2012): Evaluierung der Pressef\u00f6rderung in \u00d6sterreich. Status, Bewertung, internationaler Vergleich und Innovationspotenziale. Eine Studie im Auftrag des Bundeskanzleramtes \u00d6sterreich. Online:\u00a0 Haas, Hannes (2012): <a href=\"http:\/\/archiv.bundeskanzleramt.at\/DocView.axd?CobId=50443\">http:\/\/archiv.bundeskanzleramt.at\/DocView.axd?CobId=50443<\/a><\/p>\n<p>Karmasin, Matthias (2016): Was auf dem Spiel steht. \u201eDen\u201c Medienmarkt gibt es nicht. Denkanst\u00f6\u00dfe zu einer anstehenden \u00c4nderung der Medienf\u00f6rderung. In: Die Zukunft der Kommunikation. Wien: Falter-Sonderedition, 34-35.<\/p>\n<p>Seethaler, Josef (2015): Qualit\u00e4t des tagesaktuellen Informationsangebots in den \u00f6sterreichischen Medien: Eine crossmediale Untersuchung. Wien: RTR. Online: <a href=\"https:\/\/www.rtr.at\/de\/inf\/SchriftenreiheNr12015\">https:\/\/www.rtr.at\/de\/inf\/SchriftenreiheNr12015<\/a><\/p>\n<p>Steinmaurer, Thomas\/Wenzel, Corinna (2015): Public Network Value. Wien: ORF.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Stellungnahme der \u00d6sterreichischen Gesellschaft f\u00fcr Kommunikationswissenschaft (\u00d6GK) zur Medien-Enquete der Bundesregierung im Juni 2018 Anl\u00e4sslich der Medien-Enquete im Juni 2018 stellen sich f\u00fcr die Weiterentwicklung des Medienstandorts \u00d6sterreich eine Reihe von Fragen und Herausforderungen, die es aus einer kommunikationswissenschaftlichen Sicht zu bewerten gilt. 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